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2004

Theaterhaus Jena
Rucken 04




Inszenierung Dirk Cieslak

Von und mit:
Sophie Hottinger
Stefan Hufschmidt
Ursula Renneke
Andrea Schmid
Saskia Taeger

Bühne: Gregor Wickert
Kostüme: Bettina Latscha


Es ist Zahltag: Deutschland ist biologisch vertrocknet, Nullwachstum und Massenarbeitslosigkeit wird zum Normalfall, die Sparrate ist im Keller und das Land steht verschuldet am Abgrund. Von Anbeginn politisch fehlgeleitet sitzt das Volk in der Falle. An vorderster Front gegen den neuen deutschen Untergang kämpfen konservative Revolutionäre in Bestsellern und Talkshows für eine neue Gesellschaft. Sie rufen nach dem großen Ruck und blasen das Halali auf den Sozialstaat. Entwerfen großartige Szenarien von Wanderungsbewegungen, die Berlin in zwei Generationen zu einer polnischen Stadt machen könnten. Für Rücksichtnahmen sei nun keine Zeit mehr. Glaubt man ihnen, ist unsere Gesellschaft deformiert und verdrängt die Wirklichkeit. Sie sind Radikale, sprechen vom Dauerton des Gejaules eines destruktiven Menschenschlags, der als mediokrer Steuergeldverschwender sein Leben fristet. Hitler wird als Erfinder des Sozialstaates identifiziert und der Regierung wird die historische Aufgabe des lange verzögerten Abschieds von der Volksgemeinschaft abgefordert.

Ist es nicht Zeit, das Projekt Deutschland einfach zu beenden und weiterzuziehen, fragen sich unsere Helden irgendwo da draußen in der endlosen Prärie.
Hin- und hergerissen zwischen Aufbegehren und Anpassung, Depression, Verzweiflung und Erweckung versuchen sie sich im Angst- und Untergangstheater, dem sie sich ausgesetzt sehen, zu behaupten. Sie laufen dabei in den einen oder anderen Hinterhalt, holen sich blutige Nasen und fordern zum Duell.

Rucken 04 untersucht die aktuelle Debatte der deutschen Anpassungskrise an eine neue Welt. Gemeinsam mit dem Regisseur Dirk Cieslak entwickeln die Schauspieler des Theaterhaus Jena einen Abend, dessen Dramaturgie mehr Essay als Erzählung, mehr Versuchsanordnung als realer Ort einer Handlung ist.


"Castorf war es in 'Endstation Amerika' einst das duftende Symbol für den reinen, hochkarätigen Unsinn des Daseins. In 'Rucken 04' ist es eine Bühnenhandlung, die weder etwas darstellt noch vorführt, auch nichts demonstriert, sondern ausstellt: Theater als Handlungs- und Gedankenaus- stellung, als eine fragile Installation, die sich ein Stück Wirklichkeit aus der Welt schneidet und als gleichzeitig über- und unterbestimmtes Zeichen auf die Bühne verpflanzt. Die Bühnenmontage verzichtet auf jedwede Handlungslinien und Figurenpsychologien und ist dennoch keine mit Selbstreflexivität aufgeladene Performance. Eher bedient sich 'Rucken 04' der Readymade-Strategie, im Verdoppeln der Realität diese selbst zur Kunst zu erklären. Was gehört auf welche Seite? Ursula Rennecke schaut einmal mit ihren großen Augen ins Publikum und spricht im Namen der von ihr ausgestellten Figur Regula: 'Ich bin eine Frau in der Blüte ihrer Empfängnisbereitschaft.' Das ist ein wahrer Satz. Über Regula und über Ursula Rennecke.
Solcherlei Versuche, das Leben der Kunst anzunähern, waren einmal das privilegierte Projekt der Avantgarde. 'Rucken 04' ist im Grunde ein Erinnerungsversuch an diesen ursprünglichen Impuls der Moderne: Der Abend bricht mit fast allen ästhetischen Vertraulichkeiten und sucht den Nullpunkt. Am Ende heißt es: 'Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht sollten wir mal ganz neu von vorne anfangen, alles mal ganz anders machen.' Dirk Cieslak gibt darauf eine klare Antwort: Wir sollten. Man muss riskieren, alles zu verlieren, nichts auszusparen und grundsätzlich vorzugehen, wenn man etwas finden will."
Theater der Zeit


Premiere: 28. Oktober 2004, Hauptbühne


Fotos: Joachim Dette Download: theater der zeit rucken 04.pdf
Link: Theaterhaus Jena







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